„Jeder muss sich fragen: Bin ich dem Druck der Wissenschaft gewachsen?“

„Jeder muss sich fragen: Bin ich dem Druck der Wissenschaft gewachsen?“

Dr. Nadine Schöneck-Voss hat über die Zeitknappheit von Erwerbstätigen promoviert. Als Postdoc an der Uni Bremen steckt sie nun mittendrin im schnellen Arbeitsalltag von Nachwuchswissenschaftlern.

von Britta Mersch

duz: Haben Forscher niemals Zeit?
Schöneck-Voss: Zeitknappheit ist ein generelles Phänomen in der Wissenschaft. Für Nachwuchswissenschaftler gilt das aber in ganz besonderem Maße. Die Qualifizierung bis Ende 30 ist eine Phase der prekären Beschäftigung. Viele wissen nicht, ob sie es bis Ende 30 schaffen, einen Ruf auf eine Professur zu erhalten, nicht selten hangeln sie sich von einem befristeten Vertrag zum nächsten. Manche halten diesem Druck auch nicht stand und steigen ermattet frühzeitig aus dem Wissenschaftsbetrieb aus. Es ist nicht nur ein Problem der Zeitknappheit, der Druck ist generell sehr hoch.

duz: Sie haben über das Zeiterleben von Erwerbstätigen promoviert. Sind alle Berufsgruppen gleich gestresst?
Schöneck-Voss: Es gibt in der Tat viele Berufsfelder und Personen, denen dieses Zeitstress Phänomen weitgehend unbekannt ist. Die sagen, sie kommen mit ihrem Zeitkontingent und Tagesablauf gut zurecht, so wie er ist. Oft handelt es sich dabei um Menschen mit sehr stabilen Berufsbiographien. Oder sie sind vielleicht von Natur aus einfach sehr robust und stressresistent. Es kommt aber auch immer auf den Charakter der Arbeit an. Ein Kfz-Mechaniker kann mit seiner Arbeit zufrieden sein, wenn er den Wagen wieder zum Laufen gebracht hat. Er braucht dann nicht weiterschrauben, um sein Werk zu optimieren. In der wissenschaftlichen Arbeit lässt sich hingegen immer etwas verbessern – die Gefahr, sich dabei zu verausgaben, ist daher sehr groß. Das ist ein enormer Unterschied.

duz: Es gibt etliche Menschen, die es zelebrieren, keine Zeit zu haben.
Schöneck-Voss: Das Phänomen gibt es tatsächlich. Es wirkt wie ein immaterielles Statussymbol: Wer Zeitknappheit kommuniziert, signalisiert, dass er gebraucht wird, gefragt ist, sich mit interessanten Sachen beschäftigt. Wer dagegen zugibt, viel Zeit zu haben, macht sich in unserer Gesellschaft verdächtig. Das kennen Sie doch bestimmt selbst: Wenn Sie einen Arzt anrufen, der Sie sofort in die Praxis bittet, werden Sie skeptisch.

duz: Wir haben also kein Zeitproblem?
Schöneck-Voss: Das würde ich so grundsätzlich nicht sagen. Der Druck ist schon in vielen Bereichen gestiegen, viele Abläufe sind schneller geworden. Aber wenn man sich in Ruhe mit den Menschen unterhält, so wie ich es im Rahmen meiner Doktorarbeit gemacht habe, zeigt sich das Bild wesentlich differenzierter. Es gibt auch heute noch viele Menschen, für die Zeitknappheit so gut wie gar kein Thema ist.

duz: Eine Frage der Organisation also.
Schöneck-Voss: Sicherlich auch. Ich habe früher Zeitmanagement-Seminare für Studenten und Doktoranden gegeben. Daher weiß ich, dass manchmal schon ganz einfache Tricks helfen: Wenn die Teilnehmer einen Kalender führen und ihren Zeitplan schriftlich festhalten. Wenn sie das Nein-Sagen üben und sich selbst Sperrstunden verordnen, in denen sie nur im Notfall erreichbar sind. Manchmal ist man auch überrascht, wie viel Zeit man eigentlich verplempert.

duz: Sie sind gerade in der Postdoc-Phase. Wie begegnen Sie dem Stress?
Schöneck-Voss: Ein Patentrezept gibt es nicht, aber es ist wichtig, dass man im eigenen Handlungsbereich für gute Zeitverhältnisse sorgt. Ich gehe nicht mehr vielen Hobbys nach, aber mir hilft Sport sehr. Jeder muss sich fragen: Bin ich dem Druck der Wissenschaft gewachsen? Das sollten Professoren vielleicht auch öfter mit ihren Doktoranden diskutieren – am besten schon vor der Promotion.


Der Artikel erschien im duz MAGAZIN 09/11 vom 19.08.2011


Ein Handwerk lernen

Ein Handwerk lernen

Wissenschaftsmanager werden an Hochschulen und in Forschungseinrichtungen immer wichtiger. Dennoch kommen viele von ihnen über einen Quereinstieg in den Job. In Speyer soll es nun bald einen neuen Masterstudiengang geben, der ihnen spezielles Know-how vermittelt.

Johann Osel
 

Learning by Doing prägt immer noch die Arbeit von Hochschul- und Wissenschaftsmanagern. Die Zahl spezieller Ausbildungen für die Schlüsselpositionen zwischen Wissenschaft und Verwaltung ist gering. Oft werden die Stellen mit Quereinsteigern besetzt. Sie müssen sich dann Stück für Stück ihr neues Berufsfeld erschließen. Das hat gerade erst im vergangenen Juni eine Studie des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) festgestellt. In der Studie wird aber auch ein internationaler Vergleich der Karrieremöglichkeiten gezogen. Fazit: Deutschland schneidet gut ab. In außeruniversitären Einrichtungen liegen die Bedingungen für Wissenschaftsmanager sogar weit über dem EU-Schnitt. Hochschulen und Forschungsinstitute hätten erkannt, dass ein gut funktionierendes Management ein „zentraler Erfolgsfaktor“ ist.

Passende Qualifizierungsangebote entstehen dennoch erst allmählich. Zu den etablierten Studiengängen, etwa in Berlin, Osnabrück oder im niederösterreichischen Krems, soll nun zum Wintersemester 2011/12 ein neues, berufsbegleitendes Angebot hinzukommen: ein Masterstudiengang vom Zentrum für Wissenschaftsmanagement (ZWM) in Speyer. Die Akkreditierung des Studiengangs ist weit vorangeschritten. Der besondere Vorteil des Standorts: Auf dem Campus befinden sich schon die Deutsche Hochschule für Verwaltungswissenschaften und das Deutsche Forschungsinstitut für Öffentliche Verwaltung. Wichtige Hochschul- und Institutsstandorte wie Karlsruhe oder Heidelberg liegen in der Nähe.

„Mittelfristig wird der Bedarf an international kompatiblen Ausbildungen noch stark ansteigen.“

Prof. Dr. Reinhard Grunwald ist geschäftsführender Vorstand des ZWM. Der Jurist weiß, worauf es bei dem Beruf ankommt. Er war lange an vorderster Front tätig – von 1996 bis 2007 als Generalsekretär der Deutschen Forschungsgemeinschaft, davor zwölf Jahre lang als kaufmännischer Vorstand des Deutschen Krebsforschungszentrums. Das Gesamtsystem Wissenschaft und Forschung sei im Laufe der Zeit deutlich komplexer geworden, sagt er. „Es muss ständig geprüft werden: Wo stehe ich mit meiner Einrichtung, wo will ich hin und wie kann ich diese Ziele verwirklichen.“ Kurzum: Steuerung auf allen Ebenen ist gefragt. Es gilt, neue Finanzquellen zu erschließen, Abläufe zu verbessern, Freiräume zu nutzen und die Grenzen der Wissenschaft im Blick zu haben. „Selbst in einem wissenschaftsfreundlichen Rechtssystem wie Deutschland gibt es diese Grenzen, aktuelles Beispiel ist der Embryonenschutz.“

Dies alles, sagt Grunwald, setze ein Können voraus, das man im Idealfall wie ein Handwerk erlernen sollte. In der Vergangenheit gab es fast ein Juristenmonopol. Inzwischen sei eine ganz neue Kategorie von jungen Wissenschaftsmanagern ans Ruder gekommen. Der neue Studiengang soll eben auch hier ansetzen (siehe Kasten). In Vorlesungen und Seminaren, Planspielen, Gruppenarbeit und Kolloquien soll in vier Semestern das Wissen zu Finanz- und Personalmanagement, Qualitätsmanagement und rechtlichen Rahmenbedingungen der Wissenschaft vermittelt werden. Auch Fragen wie Internationalisierung oder Kommunikation nach Außen und Innen stehen auf dem Lehrplan.

Bei der Innendarstellung des Jobs hapert es zuweilen, hat die CHE-Studie erkannt: Insbesondere in den Unis hätten die Manager-Jobs teils ein schlechtes Renommee. Sehr oft gelten sie als „Second Best“ – also als Ausweichstation, wenn die Forscherkarriere nicht so richtig in Fahrt gekommen ist. Als Lösung plädiert das CHE unter anderem für die Gründung eines Berufsverbands. Das sieht auch Grunwald so. Gemeinsam ließen sich weitere Anstrengungen unternehmen, meint er: „Wie bereite ich etwa speziell jemanden vor, der mit China Forschungsverhandlungen führen soll. Mittelfristig wird der Bedarf an international kompatiblen Ausbildungen noch stark ansteigen.“


Das Studium in Zahlen

  • Aufgabe: Akademische und praktische Lehre werden in dem neuen Angebot kombiniert. Der Master-Studiengang besteht aus vier Basismodulen. In ihnen werden die historischen, rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen unterrichtet. Zudem werden Management-Instrumente und soziale Kompetenzen vermittelt.
  • Aufbau: In Vertiefungsmodulen und weiteren Veranstaltungen schildern Praktiker aktuelle Entwicklungen aus ihrem Arbeitsbereich. Pro Modul sind zwei bis drei Tage Präsenzzeit geplant. Der Rest läuft über eine Online-Lehr- und Lernplattform.
  • Aufwand: Elf Prüfungen sind bis zum Abschluss vorgesehen. Nach vier Semestern kann der „Master of Public Administration Wissenschaftsmanagement“ erworben werden. Die Studienentgelte betragen insgesamt 8000 Euro. Zugangsvoraussetzung ist ein erster qualifizierender Hochschulabschluss und in der Regel mindestens ein Jahr Berufserfahrung. Zielgruppe sind ausdrücklich auch junge Interessenten.

Kontakt: bluemel@foev-speyer.de

Der Artikel erschien im duz MAGAZIN 03/11 vom 25.02.2011
Foto: Pixelio/ Rainer Sturm

 


Mehr zeigen, als man hat

Mehr zeigen, als man hat

Der Vortrag, einst Herzstück der wissenschaftlichen Kommunikation, ist mit dem Siegeszug neuer Medien ins Hintertreffen geraten. Jetzt dominiert die Präsentation. Mit ihr zeigt man weniger, als man könnte, aber das muss nicht schlecht sein, wenn sie gut gemacht ist. Worauf kommt es dabei an?

Nicole Lücke

Der Begriff „Online-Identitätssysteme“ klingt nicht nach einem Thema, für das sich Massen interessieren. Trotzdem haben sich alleine auf dem Videoportal www.youtube.com rund 175 000 Menschen die Aufnahme der Powerpoint-Präsentation „Identity 2.0“ des kanadischen Web-Entwicklers Dick Hardt angeschaut.

Vom Redner zum Performer
Grund für dieses große Interesse ist aber weniger der Inhalt – das komplexe Thema Identität und die Frage, wie man das mehrfache Ausfüllen von Online-Formularen vermeiden könnte. Es ist vielmehr die beinahe artistische Art, mit der Dick Hardt seine Informationen präsentiert. Er gilt als Virtuose der Powerpoint-Präsentation und zieht die Zuschauer mit schnellen Klicks in seinen Bann. Häufig stehen nur einzelne Wörter auf seinen Folien, oder Bilder laufen im Hintergrund durch, während Hardt seine Thesen formuliert. Und immer wieder scheint eines der Bilder nicht zu passen, oder Hardt sagt etwas völlig Unerwartetes. Dadurch lässt er dem Publikum keine Chance, gedanklich abzuschweifen. Am Ende haben die Zuschauer die Grundlagen eines komplizierten Themas verstanden und hatten sogar Spaß dabei.
Dieses Beispiel zeigt, dass Powerpoint Segen und Fluch zugleich ist, auch für die Wissenschaft. Denn auf der einen Seite bietet es seit einigen Jahren ganz neue Möglichkeiten, um Informationen zu vermitteln und ihre Vielschichtigkeit zu zeigen. Auf der anderen Seite ist aus dem bloßen Redner ein Vortragender geworden, der regelrecht performen muss und langweilig wirkt, wenn er es nicht gut macht. Wie ein Schauspieler muss er sein Wissen über verschiedene Kanäle präsentieren und bringt dabei automatisch seine Persönlichkeit ein. Viele Wissenschaftler sind damit überfordert. Manche ignorieren die Unterschiede zwischen Vortrag und Präsentation einfach. Es gibt aber Tipps, die echtes Präsentieren erleichtern.

„Zunächst muss man die Art des Vortrags unterscheiden: Vorlesung, Seminar oder Abendveranstaltung“, sagt Dr. Joachim Knape, Professor für Allgemeine Rhetorik an der Universität Tübingen. „Bei einer Vorlesung, die ich jede Woche halte, geht es darum, dass die Studierenden die wichtigsten Punkte mitbekommen, die ich zum Beispiel begleitend auf Folien präsentiere. Bei Seminaren steht die Diskussion im Vordergrund, und ich nutze Powerpoint höchstens, um Anschauungsmaterial einzuspielen. Ein Abendvortrag dagegen bekommt Eventcharakter.“ Das müsse kein Nachteil für den wissenschaftlichen Gehalt sein, betont der Soziologe Prof. Dr. Hubert Knoblauch von der Technischen Universität Berlin. Er hat für die Deutsche Forschungsgemeinschaft untersucht, ob eine visuelle Präsentation den Inhalt des Wissens beeinflusst. „Das ist nicht der Fall“, sagt er, „Powerpoint-Präsentationen sind sogar prinzipiell komplexer, weil es mehr Möglichkeiten gibt, das Wissen zu transportieren. Ich habe nicht nur die Rede, sondern beispielsweise Bilder und Videos und vor allem die körperliche Performanz, die die verschiedenen Modalitäten des Vortrags verbindet.“
Informative Vorträge können auch spannend sein. Doch wie gelingt das? „Ein Redner muss sich zunächst bewusst machen, dass er nicht einen ganzen Vortrag lang gegen die eigene Natur arbeiten kann“, meint Knape. „Die Art und Weise der Präsentation hängt also von der Persönlichkeit ab. Das heißt: Ein ruhiger, sachlicher Typ sollte sich bei seiner Präsentation auf genau die¬se Stärken besinnen und nicht versuchen, gekünstelt locker und witzig zu erscheinen.“ Gleichzeitig sei aber Kompensation nötig. Denn ein sachliches Thema in einem ausschließlich sachlichen Vortragsstil führe zu Ermüdungserscheinungen beim Publikum. Empfehlenswert sei es daher, Überraschungseffekte oder Sinnliches wie Hörerlebnisse oder Videos einzubauen.

Bereits „der Klick zur nächsten Folie sorgt immer für Aufmerksamkeit“, erklärt Dr. Sibylle Peters. Die Theaterwissenschaftlerin schreibt gerade an einem Buch über den Vortrag als Performance. „Gut ist dabei ein Rhythmuswechsel, also zum Beispiel erst eine schnelle Abfolge von Bildern, um anschließend Folien länger stehen zu lassen, ähnlich wie bei einem Musikstück, das ruhigere und dramatischere Phasen hat.“ Wie das praktisch aussehen kann, zeigt der Kanadier Dick Hardt: Die Wörter laufen im Sekundentakt durch. Dann verlangsamt er das Tempo, zeigt Bilder, lässt einzelne länger stehen, der Zuschauer holt Luft, und schon geht es mit schnellen Klicks weiter. Dabei wiederholt Hardt Schlüsselwörter. Es muss keineswegs jede einzelne Folie erklärt werden. Während er über die umständlichen Online-Registrierungsformulare spricht, sind im Hintergrund mehrere Screenshots solcher Formulare zu sehen. „Das Publikum stellt die Beziehung zwischen dem Gesagten und der Folie selber her“, ist Peters überzeugt. „Die Taktung muss dabei natürlich stimmen.“
Ihrer Ansicht nach ist es auch nicht notwendig, dass jedes Detail der Informationen den Empfänger erreicht. „Eine intermediale Präsentation wird vom Publikum auch intermedial wahrgenommen. Der Gesamteindruck ist wichtig. Er entscheidet darüber, ob ich Interesse an dem Thema entwickle oder nicht.“ Denn das wird nicht automatisch durch viel Abwechslung geweckt. „Weniger ist manchmal mehr“, sagt Knape, „ganz schlecht ist ein technischer Overkill. Denn Spielereien wie ständige Überblendungen lenken nur vom Inhalt ab. Als Vortragender muss ich also gut überlegen, wie ich akzentuiere, also welche Stellen ich durch Bilder und Ähnliches betonen möchte.“

Keiner beherrscht Powerpoint perfekt
Was heißt das für die Vorbereitung eines wissenschaftlichen Vortrags? „Da gibt es viele Möglichkeiten“, sagt Sibylle Peters, „sehr gut funktioniert, wenn ich mir als Erstes überlege, was ich auf Bildern und in Videos zeigen möchte. Was habe ich für Material? Welche Begriffe finde ich so wichtig, dass ich sie auf einer Folie präsentieren möchte, welche Thesen oder Gegenargumente?“ Das alles werde in eine logische Reihenfolge gebracht, also eine Art Mind Map als Powerpoint-Präsentation. „Ganz unabhängig davon schreibe ich dann den Präsentationstext“, erklärt Peters. „Anschließend lasse ich beides parallel ablaufen und schaue, zu welchen Effekten es führt und wo ich nachbessern muss.“ (Siehe dazu duz WERKSTATT 07/2006).
Über eines muss sich der Vortragende allerdings im Klaren sein: „Ich kann Powerpoint niemals perfekt beherrschen“, sagt Peters. „Der Vortragende ist nur eine Figur in dem Ganzen. Es kann immer etwas Unerwartetes passieren, eine überraschende Reaktion des Publikums oder ein Problem mit der Technik.“ Darauf müsse der Redner flexibel reagieren und ein eventuelles Scheitern mit dem Publikum am besten teilen, indem er über sich selbst lacht. „Nicht nur der Vortragende präsentiert die Präsentation, die Präsentation präsentiert umgekehrt auch den Vortragenden. Dieser Dimension muss ich mir bewusst sein.“ Dick Hardt macht das sehr geschickt, wenn er sagt: „Ich weiß gar nicht, warum ich an dieser Stelle Applaus kriege.“

Der Artikel erschien im duz MAGAZIN 04/10 vom 26.03.2010


Und am Ende droht die Altersarmut

Und am Ende droht die Altersarmut

Ein Jahr Frankreich, zwei Jahre Spanien und zwei in Schweden – die Forschung im Ausland ist das Salz der Wissenschaft und schmückt jeden Lebenslauf. Vor allem junge Forscher brauchen den Ausweis von Internationalität für ihre Karriere. Wo also ist das Problem? Das Länderhopping rächt sich im Alter.

Annegret Nill

Ein einheitlicher Hochschul- und Forschungsraum in Europa und ein Arbeitsmarkt, auf dem sich Forscher frei bewegen können – dies ist die Vision hinter dem Bologna-Prozess. Die Realität allerdings sieht anders aus. Wer in Europa heute mobil ist, wird am Ende seiner Karriere bitter bestraft. Weil die Rentensysteme der EU-Mitgliedstaaten nicht aufeinander abgestimmt sind, droht Altersarmut. Betroffen davon sind vor allem junge Forscher.
„Penalized for being Mobile?“ war denn auch eine Tagung überschrieben, die das Bologna-Zentrum der Hochschulrektorenkonferenz Anfang Juni in Berlin organisierte. „Forscher werden bestraft, wenn sie ins Ausland gehen“, erklärte Staatssekretär Prof. Dr. Alexander Lorz vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst in Berlin. Denn: Es gibt in Deutschland die sogenannte Unverfallbarkeitsfrist, die sowohl für die Rentenansprüche und Zusatzrenten öffentlich Angestellter – also wissenschaftlicher Mitarbeiter, Assistenten – und die Altersversorgung der verbeamteten Professoren gilt. Fünf Jahre lang muss man ins System eingezahlt haben, bevor die Rentenansprüche gesichert sind. Wer früher ins Ausland wechselt, muss mit finanziellen Einbußen rechnen. „Dies ist ein starker Anreiz für Leute, die neu im System sind, darin zu bleiben, aber die Mobilität fördert es nicht“, sagte die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Prof. Dr. Margret Wintermantel. Außerdem halte es Forscher anderer Länder davon ab, für einige Jahre nach Deutschland zu kommen.

Zahlen ja, Kassieren nein
Wer an Hochschulen in verschiedenen EU-Staaten arbeitet, muss in die Rentenversicherungskasse des jeweiligen Landes einzahlen. Nach der Pensionierung besteht ein Anspruch auf Rentenzahlungen aus all den Ländern, in deren Rententopf man über einen längeren Zeitraum – der von Land zu Land variiert – eingezahlt hat. Manche Forscher fallen unter diesen Voraussetzungen jahrelang aus dem Rentensystem, weil sie nur Ein- bis Zweijahresverträge haben. Nachwuchsforscher mit Stipendien erwerben gar keine Rentenansprüche. Wenn sich diese Risikofaktoren summieren, reichen am Ende die erworbenen Ansprüche bei der Pensionierung nicht aus. Armut droht.

Ein Dickicht an Regelungen
Die Rentenregelungen sind in jedem Mitgliedsstaat anders. Dies gilt auch für Zusatzrenten, die daher häufig nicht ins Ausland übertragen werden können. Wer ins außereuropäische Ausland wechseln will, muss besonders aufpassen. Denn es gibt nur mit einzelnen Ländern wie den USA oder Kanada Sozialversicherungsabkommen.
Die Informationsbeschaffung ist das nächste Problem. Allein die Navigation durch die Vielzahl der Systeme und Regelungen ist eine Kunst für sich. Außerdem kann es passieren, dass man unterschiedliche Auskünfte bekommt. Rasa Jurkeviciene vom Lithuanian Researchers Mobility Centre spricht deshalb von einem „Informationsdschungel“.
Darüber, dass die Informationen gesammelt und besser zugänglich gemacht werden sollen, waren sich daher alle Konferenzteilnehmer einig. Jurkeviciene möchte außerdem die Mobilitätszentren institutionalisieren. Hochschulen und Staaten sollen gemeinsam agieren. Vincent de Graauw von der französischen Alfred Kastler Stiftung plädierte für ein Netzwerk nationaler Experten, die europaweit kooperieren.
Um die Forscher-Mobilität zu erhöhen, hat die EU-Kommission Ende Mai einen paneuropäischen Rentenfonds für Forscher vorgeschlagen. Ist das realistisch? Die Sozialversicherung ist Sache der Mitgliedsstaaten. Einige Konferenzteilnehmer wie die Generalsekretärin der European University Association Lesley Wilson möchten daher lieber auf nationaler Ebene Druck ausüben.

Der Artikel erschien im duz MAGAZIN 06/08 vom 27.06.2008


Probier‘s mal mit ‘ner Referenz!

Probier‘s mal mit ‘ner Referenz!

Wer sich an einer Hochschule in den USA bewirbt, kommt an Referenzen nicht vorbei. In Deutschland sind die wohlwollenden Zeugnisse weniger üblich – aber von Berufungskommissionen und auch in der Wirtschaft durchaus gern gesehen.

Marion Hartig

Es gehörte zu ihrem Job. Die Psychologieprofessorin Ute J. Bayen arbeitete lange Zeit an US-amerikanischen Hochschulen. Etliche Male musste sie sich an den Rechner setzen, um persönliche Bewertungen für Doktoranden, Postdocs oder Stipendiaten zu schreiben, die sich nach einem neuen Job umsahen. Für etwa zehn junge Akademiker pro Jahr, die sich im Durchschnitt 30-mal bewarben, tütete ihre Sekretärin die „Letters of Recommendation” ein, versiegelte die Umschläge und versendete sie an die potenziellen Arbeitgeber – wenn diese es wünschten, auch per Mail.
„In den USA gibt es kein Arbeitszeugnis“, erklärt Bayen: „Da spielen Referenzen gerade zur Einschätzung von Nachwuchswissenschaftlern eine große Rolle.“ Wer einen Job an einer US-Hochschule sucht, sollte drei bis vier Referenzgeber im Rücken haben, rät Professorin Bayen.
Seit Anfang des Jahres lehrt die Psychologin an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Dort wird sie sich hinsichtlich Empfehlungsschreiben etwas zurücklehnen können. Denn: In der deutschen Hochschulszene sind Referenzen für Bewerbungen kein Muss. An vielen Hochschulen, wie der Freien Universität (FU) Berlin, sind sie gar eine Randerscheinung: „Referenzen kommen im wissenschaftlichen Bereich nur vereinzelt vor, überwiegend wenn es um die Einstellung von Nachwuchswissenschaftlern geht“, erklärt FU-Sprecher Goran Krstin.

Der entscheidende Wink
Dennoch: Empfehlungen können auch in Deutschland Karrieren anschieben. Dr. Alexander Ostrowski hat seinen Posten als Geschäftsführer der Fakultät für Physik und Astronomie der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg nicht zuletzt wegen der guten Referenz seines ehemaligen Chefs bekommen. Darin waren Ostrowskis Erfahrungen in der Geschäftsführung und ähnlichen Führungsaufgaben an einer anderen Universität bescheinigt. Ohne diese Empfehlung, glaubt Ostrowski, säße er jetzt nicht auf seinem Posten.
„Referenzen sind eine große Chance“, bestätigt der Berliner Bewerbungsberater Gerhard Winkler. Gerade am Anfang der Karriere brauche man starke Verbündete. Das gelte für Geisteswissenschaftler wie für Naturwissenschaftler. Als Fürsprecher seien Professoren geeignet, außeruniversitäre Projektpartner oder Wissenschaftler internationaler Forschungseinrichtungen. Auch wenn Referenzen in Deutschland weniger üblich sind als in den USA: Junge Akademiker sollten sich nicht scheuen, ihre Vorgesetzten darum zu bitten, rät Winkler: „Wem am Weiterkommen seiner Mitarbeiter liegt, wird nicht zögern, ihnen ein wohlwollendes Zeugnis mit auf den Weg zu geben.“

Was Firmen wollen
Auch für Forscher, die in die Wirtschaft gehen, können Empfehlungen nützlich sein. „Sie sind zwar keine Bedingung, enthalten aber oft zusätzliche
Hinweise über den wissenschaftlichen Werdegang und die Persönlichkeit. Das ist vor allem dann hilfreich, wenn Bewerber in die engere Wahl rücken“, erklärt Karin Göhre, Leiterin des Personalmarketings der Bayer Schering Pharma AG. Bei Siemens sieht man das ähnlich: „Bewerber sollten ausformulierte Bewertungen mitschicken, das erleichtert den Personalern die Arbeit“, sagt Firmensprecher Karlheinz Groebmair.
Doch Vorsicht: Die Welt der Wissenschaft hat ihre eigenen Gesetze. „Die nach amerikanischem Vorbild oft sehr euphorisch und vielleicht etwas übertrieben formulierten Schreiben können auch zu viel des Guten sein“, warnt Amelie Lemke vom Karriereservice der Technischen Universität München. Besser man erkundige sich nach den jeweiligen Bewerbungsmodalitäten.

Das perfekte Lob
+ Fassen Sie sich kurz: Eine Referenz sollte nicht mehr als zwei DIN A4-Seiten umfassen
+ Beantworten Sie in dem Schreiben diese Fragen: Welche Position hat der Referenzgeber, an welcher Einrichtung? Welche Beziehung hat er zum Bewerber, seit wann kennen Sie Ihren Schützling, wie haben sie sich kennengelernt? Woran hat der Bewerber gearbeitet, bei welchen Professoren, mit welchen Methoden? Was sind seine herausragenden Stärken, die ihn von seinen Kollegen abheben? Welche Fähigkeiten sollte er entwickeln? Warum ist Ihr Schützling Ihrer Ansicht nach für die neue Aufgabe geeignet?
+ Erwähnen Sie die sogenannten Soft Skills: Wie verhält sich der Bewerber im Umgang mit Kollegen, Vorgesetzten und Untergebenen? Ist er kommunikativ und kollegial, kann er Mitarbeiter führen?
+ Achten Sie auf Ihren Stil: Schreiben Sie positiv, aber nicht euphorisch.
+ Denken Sie an Ihren Ruf: Je höher Ihre Reputation, desto mehr wird man Ihrem Urteil vertrauen.

Der Artikel erschien im duz MAGAZIN 12/07 vom 14.12.2007






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