Nachruf auf die Juniorprofessur

Nachruf auf die Juniorprofessur

Vor zehn Jahren hat Deutschland der Habilitation den Kampf angesagt und einen neuen Weg zum Lehrstuhl geschaffen: die Juniorprofessur. Um ihr zum Durchbruch zu verhelfen, gab die damalige Bundesregierung nahezu 100 Millionen Euro aus. Hat sich der Aufwand gelohnt? Eine Stimme aus den Geisteswissenschaften.

von Albert Kümmel-Schnur

Bis Ende November 2010 war ich Juniorprofessor für Digitale Medien/Kunst an der Universität Konstanz. Berufen wurde ich im Wintersemester 2003/04 mit dem Auftrag, den Studiengang Literatur-Kunst-Medien inhaltlich zu gestalten und organisatorisch auszubauen. Ich war für drei Semester beurlaubt, während derer ich an der Humboldt-Universität zu Berlin eine Professur vertreten und an der Universität Wien eine Gastprofessur wahrgenommen habe – daher auch die verlängerte Laufzeit meiner Stelle.

Ich war überzeugt davon, dass diese neue Form der Hochschullehrerkarriere zukunftsweisend sei.

Ich war ein enthusiastischer Juniorprofessor, Kalifornien-Heimkehrer (für meine Juniorprofessur habe ich ein Feodor Lynen-Stipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung abgebrochen), überzeugt davon, dass diese neue Form der Hochschullehrerkarriere zukunftsweisend sei. Überzeugt davon, dass „training on the job“ mit Evaluation des Geleisteten, die den Nachweis der Professorabilität bringen sollte, ein gegenüber dem langwierigen Prozedere der – und nun muss ich für meine Fachrichtung sprechen – geisteswissenschaftlichen Habilitation weit überlegeneres Modell sei: Junge Forschende sollten nach der Promotion nicht weiterhin an der kurzen Leine von Assistenzen gehalten und auf die Abfassung eines weiteren, möglichst dickbäuchigen Textes verpflichtet werden, sondern ihre Arbeitsgruppen selbst gestalten, ihre Forschung und Lehre eigenständig organisieren – in meinem Fall hieß das zum Beispiel das Medium Ausstellung als ein wesentliches Instrument meiner Forschung und Lehre zu entwickeln – und ihr Engagement für die Studiengangsplanung und akademische Selbstverwaltung freiwillig und nach eigenem Ermessen dosieren.

Mir schien es völlig plausibel, diesen jungen Menschen, zu denen ich auch einmal gehört habe, diese Leistungen zuzutrauen und ihnen zu vertrauen. Hoch unwahrscheinlich erschien mir jedoch, dass die deutschen akademischen Strukturen – und auch hier spreche ich ausschließlich für die Geisteswissenschaften – allen Ernstes willig waren, diesen Machtverlust hinzunehmen, diese fröhliche Wissenschaft zuzulassen. Und das Geschrei war ja auch groß – ich erinnere an das Stichwort vom „McDonald’s-Professor“, das der Kanzler der Universität Bonn ausgab. Darüber konnten meine Kollegen und ich in Konstanz nur lachen.
Konstanz gehörte – neben der Humboldt-Universität zu Berlin, der Universität Bremen und der Technischen Universität Clausthal-Zellerfeld, wo ja auch der Verein zur Förderung der Juniorprofessur (Deutsche Gesellschaft Juniorprofessur) gegründet wurde – zu den vier deutschen Hochschulen, die das Modell Juniorprofessur nicht zähneknirschend zuließen, sondern deutlich unterstützten. Man hatte im Unterschied zu anderen Hochschulen die Juniorprofessur nicht als interne Weiterbeschäftigungsmaschine missbraucht, sondern explizit darauf geachtet, in aufwändigen und sauberen Berufungsverfahren neue Leute zu gewinnen.

Es war schön, Juniorprofessor an der Universität Konstanz zu sein. Die Investitionsmittel des Bundes – 60.000 Euro in meinem Fall –, die mir im Unterschied zu Juniorprofessoren an anderen Universitäten tatsächlich im vollen Umfang zur freien Verfügung standen, ermöglichten mir einen schnellen und unproblematischen Einstieg in meine Aufgaben als Professor. Das hieß in meinem Fall vor allem die Schaffung einer medialen Infrastruktur: Ich kaufte Server, installierte darauf Wiki-Systeme, Ordner für die Studiengangs- sowie Projektwebseiten, investierte in die Basisausstattung zur Neugestaltung des studentischen Hochschulfernsehens Campus-TV, stattete Seminarräume so aus, dass für eine moderne Lehre auch moderne Lehrmedien zur Verfügung standen und initiierte Forschungskooperationen mit der Hochschule Konstanz. Ich genoss den Respekt und die Kooperationswilligkeit der Kollegen sowie diverser Einrichtungen der Universität – der Medientechnik und der wissenschaftlichen Werkstätten, um nur zwei zu nennen. Fächerübergreifend arbeiteten die Konstanzer Juniorprofessoren zusammen, veröffentlichten¬ gemeinsam Texte zur Ausgestaltung der Juniorprofessur in den Medien, darunter dem duz Magazin und Spiegel Online, veranstalteten Workshops und gaben unter dem Titel „Die Juniorprofessoren stellen sich vor“ sogar eine gemeinsame Ringvorlesung. Die Juniorprofessur hatte in uns allen unglaubliche Energien freigesetzt: Die meisten meiner Kollegen hatten wie ich auch schnell Drittmittelprojekte beantragt und waren auch erfolgreich damit. Alles hätte so schön sein können.

Inzwischen rate ich Freunden und Bekannten ab, eine Juniorprofessur anzutreten.

Mittlerweile rate ich Freundinnen, Freunden und Bekannten davon ab, eine Juniorprofessur anzutreten, wenn sie über eine Alternative verfügen. Seit dem Karlsruher Urteil von 2004 sind die Investitionsmittel des Bundes, die schnelle Unabhängigkeit sicherten, weggefallen. Die Habilitation erfreut sich nicht nur fröhlicher Urständ, sondern ist in den Geisteswissenschaften deutlich gestärkt gegenüber der Juniorprofessur, die nur dann irgendeine Bewerbungsqualität aufweist, wenn sie mit einer Habilitation verbunden ist oder aber genau die gleiche Leistung erbracht wurde, die für eine Habilitation notwendig ist. Sie erinnern sich: In den Geisteswissenschaften ist dies das dicke Buch bei klarer Abwertung aller anderen Publikationsformen, unabhängig von ihrer Qualität, Innovativität und übrigens auch Quantität. Auch andere mediale Formate – insbesondere in und mittels digitaler Medien – zählen nicht das Geringste, werden mitunter nicht einmal als gedruckten Texten gleichrangige Wissenschaftsmedien wahrgenommen.

Engagement in der Lehre wiegt gar nichts: Wer hier etwas leistet, wird eher bedauert.

Habilitationsäquivalenz, das habe ich in vielen Berufungsverfahren zu spüren bekommen, bedeutet in den Geisteswissenschaften einfach und völlig strikt: das so¬ genannte zweite Buch, worunter eine zweite Monographie verstanden wird. Engagement in der Lehre wiegt gar nichts: Wer hier etwas leistet, wird eher bedauert, da Lehre – allen Sonntagsreden zum Trotz – noch immer der Forschung gegenüber als mindere Tätigkeit betrachtet wird. Wer es sich leisten kann, lehrt weniger oder gar nicht.

Engagement bei der Gestaltung von Studiengängen ist ebenfalls nicht karriereförderlich. „Wieso hat der in diesem Jahr nichts publiziert?“, fragte ein Kollege in einer Berufungskommission. „Ach, der hat da die Akkreditierungsunterlagen für einen Studiengang geschrieben“, war die Entgegnung. „Na, da sollte aber doch noch genug Zeit für eigene Texte sein“, erklärte daraufhin der Fragende, der ganz offensichtlich nicht die geringste Ahnung hatte, wovon er sprach. In Konstanz dürfen Juniorprofessoren, die nicht habilitiert sind, mittlerweile nicht mehr an Habilitationskommissionen teilnehmen: eine unverständliche Beschneidung von Hoheitsrechten und ein klares Votum für die Höherrangigkeit der Habilitation. Und dass die Juniorprofessur endgültig zum Abschuss freigegeben ist, zeigte der Vorstoß konservativer Konstanzer Kollegenkreise, den Juniorprofessoren den Professorentitel mit juristischen Finten abzusprechen. An anderen Universitäten war es ja ohnehin üblich gewesen, Juniorprofessoren als JProfs oder JunProfs abzukürzen, um den Abstand zur ordentlichen Professur, der ja juristisch nur in der zeitlichen Begrenzung bestand, klar zu markieren. In Konstanz wurde dem Begehren altvorderer Pfründewahrer nicht stattgegeben – für diesmal.

Hin und wieder wird man jedoch mittlerweile auch an der Universität Konstanz in Briefen oder E-Mails als JProf oder JunProf tituliert. Vielen der neu berufenen Juniorprofessoren ist das ganz gleichgültig: „Wir sind doch sowieso keine Professoren“ oder „Ich bin doch kein Lehrstuhlinhaber“ sind Sätze, die ich von meinen jüngst berufenen Kollegen immer wieder höre. Deutliche Zeichen, dass die Zeiten sich gewandelt haben.
Ich bin noch immer überzeugt, dass man das ursprüngliche Modell der Juniorprofessur konsequent hätte weiterentwickeln sollen – ein stabiles tenure track-Angebot müsste dabei eine Selbstverständlichkeit sein. Für mich selbst ist es ein Trost, dass mir als Akademischem Rat auf Zeit noch eine Dreijahresfrist an der Universität Konstanz eingeräumt wird, um mein zweites Buch, mit dem ich mich auch ordentlich habilitieren werde, zu verfassen. Denn in den Geisteswissenschaften zählt nur dieses Buch, zählt nur diese Qualifikationsform.

Der Beitrag ist erschienen in:
Jürgen Mittelstraß / Ulrich Rüdiger (Hg.), Wie willkommen ist der Nachwuchs? Neue Modelle der wissenschaftlichen Nachwuchsförderung, UVK Universitätsverlag Konstanz 2011

Über den Autor:
Dr. Albert Kümmel-Schnur
Akademischer Rat für Medienwissenschaft an der Universität Konstanz. Geboren 1969, lehrt und forscht Kümmel-Schnur als Medien- und Kulturwissenschaftler am Fachbereich Literaturwissenschaft der Universität Konstanz. Bis Ende 2010 hatte er eine Juniorprofessor für Digitale Medien/Kunst inne, die er im Wintersemester 2003/2004 angetreten hatte. An den Universitäten in Paderborn, Coleraine (Nordirland) und Berlin studierte Kümmel-Schnur in den 1990er-Jahren Germanistik, Anglistik und Philosophie. Im Jahr 1999 promovierte er an der Universität Paderborn über Robert Musils Buch „Der Mann ohne Eigenschaften“. An der Universität Konstanz baute er unter anderem das Campus-TV auf. Seine Forschungsschwerpunkte sind digitale und analoge Wissensräume, die Geschichte der Bildtelegraphie (1843-1923) und visuelle Navigationssysteme.

Der Artikel erschien im duz MAGAZIN 04/12 vom 23.03.2012

 


Die Kraft des Schwarms

Die Kraft des Schwarms

Wissenschaft ist manchmal schlicht Fleißarbeit. Etwa dann, wenn große Datenmengen erfasst werden müssen. Das kostet Zeit. Zeit, die Professoren dann fürs Denken fehlt. Ein Münchner Geisteswissenschaftler hat aus der Not eine Tugend gemacht und die Kleinarbeit in ein Spiel verpackt, auf das soziale Netzwerke anspringen.

von Harald Olkus

Das Prinzip ist nicht neu, der Fachbegriff dafür ist längst entwickelt: Crowdsourcing. Hinter diesem Anglizismus verbirgt sich die Übertragung oder Auslagerung von Aufgaben an eine Menge von Ehrenamtlichen im Internet. Genau das tut Professor Dr. Hubertus Kohle. Seit drei Jahren lässt der Kunsthistoriker von der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München den digitalen Bildbestand des Instituts für Kunstgeschichte von Internetnutzern verschlagworten und ist mit den Ergebnissen zufrieden.

„Riesige Datenmengen lassen sich so ohne größeren finanziellen Aufwand erheben.“

Doch der Reihe nach. Um die Internetgemeinde als Freizeitarbeiter zu gewinnen, bedarf es mehr als einer hübschen Webseite. Kohle entwickelte zusammen mit einem Kollegen, Prof. Dr. François Bry vom LMU-Institut für Informatik, gleich ein digitales Spiel, Artigo (www.artigo.org). Das kommt offenbar an: „Riesige Datenmengen lassen sich so ohne größeren finanziellen Aufwand erheben“, sagt Kohle.

Um die Kunstwerke mit den Datensätzen zu beschriften, ist eigentlich das Wissen von Experten gefragt. Doch „diese sind gar nicht zu finanzieren, deshalb waren Alternativen gefragt“, erklärt der Kunstwissenschaftler den Vorteil des Prinzips, das Gewerkschaften naturgemäß als arbeitsmarktpolitisch fragwürdig einstufen müssen. Andererseits würde die Arbeit sonst eben liegen bleiben. Und nicht nur das: Ohne Projekte wie die von Kohle würde die Wissenschaft eine Chance verspielen, sich im Internet bekannt zu machen und Menschen für das jeweilige Fach zu interessieren.

Skepsis unter den Kollegen

Den Ansatz, mittels Web 2.0 an Daten zu kommen, befand die Deutsche Forschungsgemeinschaft denn auch folgerichtig für förderwürdig – und bewilligte im Oktober 2010 rund 250.000 Euro. Bei Artigo werden zwei Mitspieler im Internet, die voneinander keine Kenntnis haben, zusammengeschaltet, um Schlagwörter zu verteilen. In begrenzter Zeit müssen sie versuchen, passende Schlagwörter zu finden, die auch der Mitspieler vergibt. Erst dann gibt es Punkte. Um den spielerischen Aspekt nicht zu vernachlässigen, lobte Kohle Preise aus. Insgesamt 10.000 Spieler sammelten mittlerweile rund vier Millionen Schlagwörter für die bestehenden 25.000 Bilder.

Eine Erfolgsgeschichte, aber eben auch nur eigentlich. Denn unter Kohles Kollegen ist die Methode nicht unumstritten: Ist es der Wissenschaft wirklich dienlich, Laien auf derart spielerische Form in den Forschungsprozess zu integrieren? Genau diese Sorge meint Kohle zerstreuen zu können: „Unbeobachtet geben wohl viele Leute Micky Maus ein, wenn sie das Porträt des heiligen Petrus verschlagworten, aber dass zwei nicht untereinander Kommunizierende beide in diesem Fall Micky Maus eingeben, das schien uns doch sehr unwahrscheinlich.“ Auch wenn Artigo den internetaffinen Teil der Gesellschaft anspricht, der Marketing-Effekt ist nicht zu unterschätzen. Werbung für die eigene Forschungsdisziplin hält der Kunsthistoriker jedenfalls für nötig: „Wenn es den Geisteswissenschaften nicht gelingt, der Öffentlichkeit zu vermitteln, welchen Sinn ihre Arbeit hat, werden sie nicht überleben.“ Soziale Netzwerke dabei zu berücksichtigen, sieht Kohle als „paradigmatischen Wechsel“. Inbesondere Archive oder Museen könnten auf diese Weise versuchen, ein junges Publikum an sich zu binden. „Wer an einem Tag ein Bild im Internet beschrieben hat, wird das Original anderntags im Museum mit völlig anderen Augen betrachten“, sagt Kohle.
In der LMU mag der Kunstwissenschaftler ein Pionier sein, weltweit gehört Kohle einem Trend an, der vor mindestens zehn Jahren begann. Laien im Internet für Forschungsarbeiten zu rekrutieren, gehört im angloamerikanischen Raum fast schon zum Forschungsalltag.


Säulen der Sicherheit

Wie beim Forschungsprojekt Artigo die von der Internetgemeinde erhobenen Daten auf ihre Qualität hin geprüft werden.

  • Qualitätsmanagement: Der strukturelle Aufbau von Artigo liefert die erste Qualitätskontrolle gleich mit: Erst wenn beide Mitspieler den exakt gleichen Begriff eingegeben haben, wird dieser im System als valider Begriff abgespeichert. Damit ist zumindest der Missbrauch ausgeschlossen.
  • Wissenschaftlichkeit: Noch reicht die Zahl der Mitspieler nicht, um zu gewährleisten, dass immer zwei Spieler gleichzeitig teilnehmen. Ist kein zweiter Partner vorhanden, tritt der Spieler gegen den Computer an. Dieser gibt dann unverwechselbare und komplexe Schlagwörter an, die schon einmal zu einem Bild eingegeben wurden. Gibt es noch keine Begriffe, werden die neuen Schlagwörter trotzdem gespeichert.
  • Datenschutz: Personenbezogene Daten werden in dem Artigo-Projekt der Datenschutzerklärung zufolge nicht erhoben. Sollten Schlagwörter einen direkten Personenbezug aufweisen, können die Nutzer der Veröffentlichung der Schlagwörter jederzeit widersprechen.

 

Der Artikel erschien im duz MAGAZIN 03/12 vom 24.2.2012


„In gewisser Weise Antragsknechte“

„In gewisser Weise Antragsknechte“

Für den Professor ist es perfekt: Doktoranden zu haben, die forschen, lehren und Anträge scheiben. Die Promovenden haben aber wenig davon. Das weiß der Vorsitzende des Promovierenden-Netzwerks Thesis, das Mitte Oktober 20 Jahre alt wird. Ein Gespräch mit Norman Weiss über Geld.

von duz-Redakteurin Christine Xuân Müller

duz: Professoren stecken durchschnittlich neun Prozent ihrer Arbeitszeit ins Antragschreiben. Wieviel Zeit ist es bei Ihnen?
Weiss: Glücklicherweise muss ich das in meiner jetzigen Position als Dekanatsgeschäftsführer nicht mehr machen. Allgemein bezogen auf die Gruppe der Doktoranden hängt das stark von den konkreten Jobumständen ab. Es gibt welche, bei denen ist der Anteil relativ hoch, und es gibt Promovenden, die mit Antragswesen überhaupt nichts zu tun haben.
duz: Dann sind die Klagen übertrieben, dass Doktoranden mitunter als Antragsknechte ausgenutzt werden?
Weiss: Naja, in gewisser Weise sind sie durchaus Antragsknechte. Denn mittlerweile besteht das Hauptpersonal an den Lehrstühlen zur 75 Prozent oder mehr aus Doktoranden. Sonstige Mitarbeiter im Mittelbau gibt es ja kaum noch. Insofern ist klar, dass ein großer Anteil der Arbeit bei den Promovenden hängenbleibt und dazu gehört auch das Forschungsanträgeschreiben.
duz: Was kostet da eigentlich soviel Zeit?
Weiss: Das Antragschreiben ist Fleißarbeit. Sie müssen detailliert zeigen, dass Sie nicht nur eine tolle Forschungsidee haben, sondern auch, wie Sie diese umsetzen wollen. Also wie viele Mitarbeiter werden gebraucht, welche Arbeitspakete bearbeiten diese in welcher Reihenfolge? Sie müssen dem Geldgeber plausibel machen, dass Sie es schaffen in der Zeit mit dem Geld, das er Ihnen gibt.
duz: Für ein Millionenbudget lohnt es sich aber auch, etwas Zeit zu investieren?
Weiss: Das kommt drauf an. Der Doktorand selbst hat relativ wenig davon. Forschungsmittelanträge zu schreiben ist ein Baustein von vielen, die den Doktoranden aufgebürdet werden mit der Folge, dass sich die Dissertationszeit verlängert, die Dissertationsqualität sinkt oder die Quote der Promotionsabbrecher steigt. Es sei denn, der Doktorand schreibt einen Forschungsantrag, mit dem seine eigene Stelle finanziert wird. Und das sollte natürlich gar nicht sein.
duz: Warum nicht, wo liegt das Problem?
Weiss: Der klassische Fall ist: jemand hat eine Dissertationsidee, aber es gibt keine Stelle für ihn. Dann wird ihm vom potenziellen Doktorvater gesagt, dass er die die Dissertation entweder auf eigene Kosten als externer Doktorand oder einen Forschungsmittelantrag schreiben könnte. Für den Professor ist das die perfekte Situation, denn er investiert nichts. Er hat jemanden, der den Antrag schreibt. Wenn der Erfolg hat, ist das super. Und wenn eine Ablehnung kommt, dann hat er keinen Aufwand gehabt. Ich gehe eigentlich davon aus, dass jeder Professor genug Verantwortung gegenüber dem Personal seines Lehrstuhls hat, dass er sowas nicht auf diese Art und Weise ausnutzt. Aber es kommt durchaus vor. Zudem muss man fragen, was sagt das über Wissenschaft, wenn Doktoranden die Forschungsanträge schreiben.
duz: Was meinen Sie damit?
Weiss: Ich finde es bedenklich, wenn man gerade das Unidiplom in der Tasche hat und einen relativ großen Teil des Forschungsmittelantrags selbst schreiben muss. Eigentlich sollten Anträge ja für Vorhaben geschrieben werden, die tatsächlich Neues bringen, die aber wissenschaftliche Erfahrung voraussetzen.
duz: Welche Lösung sehen Sie?
Weiss: Die Doktoranden brauchen eine längerfristige Perspektive. Eigentlich müsste jeder Promovend zu Beginn der Promotion eine gesicherte Stelle für drei Jahren haben. Wenn in der Zeit auch ein Antrag geschrieben wird, der neue Promovenden finanziert, umso besser.
duz: Die Verantwortung liegt also bei den Professoren?
Weiss: Jein. Es wäre unfair, ihnen die alleinige Schuld in die Schuhe zu schieben. Die Verantwortung liegt bei der Hochschulpolitik, die aus finanziellen Gründen möchte, dass Promovierende an Universitäten alles möglich machen: Forschung, Lehre, Drittmittel akquirieren, dafür Anträge schreiben, Verwaltungsaufgaben übernehmen und natürlich auch, dass ihre Promotionen in vertretbarer Zeit und guter Qualität abgeschlossen werden. Das sind Ziele, die beißen sich. Und das wird von der Hochschulpolitik nicht wirklich gesteuert. Darin liegt das Grundproblem.

Norman Weiss
Der 34-Jährige hat Informatik und theoretische Medizin studiert. An der Technischen Universität Wien promovierte er im Themengebiet „Bildanalyse im Roboterfußball“. Im Februar 2010 wurde er zum Bundesvorsitzenden von Thesis gewählt. Das interdisziplinäre Netzwerk für Promovierende feiert am 15. Oktober 2011 mit einem Symposium in Berlin sein 20-jähriges Bestehen. Weitere Informationen dazu: www.thesis.de

Der Artikel erschien im duz MAGAZIN 10/11 vom 16.09.2011


Mit allen Mitteln für die Forschung

Mit allen Mitteln für die Forschung

Wo erhalten Wissenschaftler Durchblick im deutschen und europäischen Förderdschungel? Eine Frau kennt sich aus. An der Leibniz-Universität Hannover leitet sie das Dezernat für Forschungsservice. Im März wurde sie zudem eine der beiden Vorsitzenden des Sprecherrats der Forschungsreferenten. Ein Tag im Leben von Reingis Hauck.

von Grit Weirauch

9 Uhr: Reingis Hauck trifft zur gleichen Zeit wie die meisten ihrer Kollegen im Dezernat ein. Sie plaudern kurz auf dem Flur, dann folgt die erste klassische Amtshandlung: Ein Blick ins Email-Postfach. Dort warten schon die ersten Anfragen.
9.15 Uhr: Das Team der Forschungsförderer trifft sich alle zwei Wochen zur Besprechung. Die Runde umfasst 13 Personen. Heute treffen sie zunächst Absprachen über die im Juni in Hannover stattfindende Veranstaltung „Forschen in Europa“, die sich an Nachwuchswissenschaftler wendet. Danach widmet sich das Team dem Thema Open Access: Immer mehr öffentliche Drittmittelgeber fordern Forscher auf, die Ergebnisse ihrer Arbeiten digital und frei zugänglich zu publizieren. Dafür soll ein Merkblatt entworfen werden. Außerdem wird ein Workshop für Professoren vorbereitet, um ihnen einen umfassenden Überblick über die Förderlandschaft zu geben und mögliche Strategien zur Drittmitteleinwerbung zu diskutieren.
10.45 Uhr: Direkt im Anschluss folgt für Reingis Hauck eine Teambesprechung mit zwei Kolleginnen aus den Bereichen der nationalen und europäischen Forschungsförderung. Thema ist das nächste Treffen mit dem Vizepräsidenten für Forschung der Universität: Diesmal will man sich unter anderem über die aktuellen Vorbereitungen zum 8. Forschungsrahmenprogramm miteinander austauschen.
11.30 Uhr: Wenn die promovierte Bauingenieurin zurück im Büro ist, beginnt ihr Telefondienst. Reingis Hauck und ihre Kollegen beantworten telefonisch und per Email Anfragen oder leiten sie weiter: ob von Doktoranden in der Endphase ihrer Promotion oder von Professoren, die ein Forschungsprojekt mit der Wirtschaft ankurbeln wollen. Mal informiert sie über hochschulinterne Förderung – etwa für Postdocs, die ihr erstes Projekt finanzieren lassen wollen. Mal überprüft sie, ob alle formalen Vorgaben des Drittmittelgebers eingehalten wurden oder erklärt, wie man Personalkosten kalkuliert. Ausführlicher werden die Gespräche, wenn sie zum Beispiel bei der Antragstellung für ein Graduiertenkolleg behilflich sein soll oder ein Antrag im 7. Rahmenprogramm der EU-Kommission betreut wird. Dann vereinbart sie auf Wunsch auch persönliche Termine.
12.30 Uhr: Ein Arbeitstag ohne Mittagspause ist für Reingis Hauck unvorstellbar. „Ich bin locker bis 18 Uhr im Büro, manchmal auch länger“, sagt die Forschungsreferentin. Außerdem sei ein gemeinsamer Mensagang „sehr wertvoll für den persönlichen und fachlichen Austausch“.
13 bis 16 Uhr: Zu Haucks Alltag gehören viele Sitzungen. Als Dezernatsleiterin trifft sie sich einmal in der Woche mit allen Dezernenten und dem Vizepräsidenten für Verwaltung der Universität, um sich über aktuelle Vorgänge in der Hochschule auszutauschen. „Hier findet eine wertvolle Vernetzung statt, von der man an anderen Hochschulen nur träumt“, sagt sie. Viele Forschungsreferenten seien noch als Einzelkämpfer unterwegs.
16.00 Uhr: Jetzt ist die Chance, Liegengebliebenes zu erledigen und eingegangene Anrufe und Emails zu beantworten. Reingis Hauck berät einen Wissenschaftler am Telefon, der gemeinsam mit schweizerischen und österreichischen Kollegen forschen möchte und hierfür einen geeigneten Förderer sucht.
18.00 Uhr: Der Arbeitstag ist eigentlich zu Ende. Doch eine Besprechung mit dem zweiten Vorsitzenden des Sprecherrats, Thomas Horstmann, steht noch an. Der Sprecherrat leitet das deutschlandweite Netzwerk für Forschungs- und Technologiereferenten organisatorisch. „Wir kommen alle aus unterschiedlichen Bereichen mit ganz unterschiedlichen Erfahrungshorizonten“, sagt Reingis Hauck. „Eine einheitliche Ausbildung gibt es nicht. Auf uns zugeschnittene Fortbildungen sind uns deshalb sehr wichtig. Die zu entwickeln und unsere Arbeit weiter zu professionalisieren, sehen wir als Aufgabe unseres Sprecherrats.“ Hauck und Horstmann besprechen den Entwurf für die Themen der Jahrestagung 2012 in Potsdam. Neben der Jahrestagung dient auch das Online-Portal der Vernetzung: Unter www.forschungsreferenten.de sind inzwischen rund 750 Mitglieder registriert. Bislang werden die Aufgaben im Netzwerk durch persönliches Engagement bewältigt. Bei dieser Mitgliederzahl dürfte das bald nicht mehr machbar sein.
18.30 Uhr: Feierabend. Der Abend gehört der Familie.
 

Reingis Hauck
Die Bauingenieurin, Jahrgang 1970, promovierte an der Universität Hannover. Seit 2004 berät sie zu europäischen und nationalen Forschungsprogrammen. 2009 wurde sie kommissarische Leiterin des Dezernats Forschung und EU-Hochschulbüro, Technologietransfer ihrer Universität. Im Februar dieses Jahres wurde sie zusammen mit Thomas Horstmann von der Universität Erfurt zur Vorsitzenden des Sprecherrats der Forschungsreferenten gewählt.

Der Artikel erschien im duz MAGAZIN 05/11 vom 21.4.2011
 



Der Nachwuchs soll rein bleiben

Der Nachwuchs soll rein bleiben

Schneller als gedacht sitzen junge Doktoranden oder Postdocs in der Patsche, wenn sie die unlauteren wissenschaftlichen Praktiken älterer Kollegen übernehmen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat deshalb einen Lehrplan entwickelt, der Studierenden und Promovenden die Grundlagen sauberen Arbeitens vermitteln soll.

Monika Wimmer

Vor einigen Monaten flog ein Bonner Epilepsie-Forscher mit gefälschten Studien auf; zuvor machten Wissenschaftler aus Göttingen Schlagzeilen, die sich Forschungsmittel mit imaginären Aufsätzen erschlichen hatten. Insgesamt hat der Ombudsman der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in den vergangenen zehn Jahren 200 solcher Fälle bearbeitet. „Wir wollen wissenschaftlichem Fehlverhalten so weit wie möglich vorbeugen“, sagt Prof. Dr. Ulrike Beisiegel, Sprecherin des Ombudsmans der DFG. „Deshalb sollen Wissenschaftler die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis so früh wie möglich lernen.“
Auf ihrer Tagung zum Thema „10 Jahre Ombudsman der DFG“ Mitte Oktober in Hamburg hat die DFG daher ein Curriculum zur „guten wissenschaftlichen Praxis“ vorgestellt. Der zweistufige Lehrplan richtet sich an Hochschullehrer, die Kurse zu diesem Thema anbieten. Die Hochschulrektorenkonferenz will den Plan in einer ihrer nächsten Sitzungen diskutieren.
Erarbeitet hat ihn Dr. Gerlinde Sponholz, die das Institut für Medizin- und Organisationsethik mit Sitz in Blaustein bei Ulm leitet und seit vielen Jahren Seminare über Forschungsethik gibt. „Gerade junge Forscher wissen oft nicht, wo wissenschaftliches Fehlverhalten beginnt“, sagt sie. Deshalb würden sie zum Beispiel unlautere Praktiken ihrer Kollegen übernehmen, ohne diese zu hinterfragen: Etwa wenn alle Mitarbeiter immer in allen Veröffentlichungen eines Instituts genannt würden – auch wenn sie gar nicht beteiligt seien. Oft wüssten die Studierenden nicht, wie sie sich verhalten sollten, wenn sie einen wissenschaftlichen Betrug bemerkten oder selbst Opfer der Schummeleien ihrer Kollegen würden, etwa im Fall eines Plagiats. „Dass es an jeder Uni eine Ombudsperson gibt, hat sich immer noch nicht herumgesprochen“, so Sponholz.
Das Curriculum empfiehlt einen Unterrichtsblock zur guten wissenschaftlichen Praxis bereits im ersten Drittel des Studiums und einen weiteren während der Doktorandenzeit. Thema der ersten, zweistündigen Pflichtveranstaltung sollten vor allem die forschungsethischen Richtlinien der jeweiligen Forschungseinrichtung und die entsprechenden Empfehlungen der DFG sein. „Bei dieser Gelegenheit sollten die Teilnehmer auch den Namen und die Aufgaben des Ombudsmans kennenlernen“, sagt Gerlinde Sponholz. Sie rät, den Informationsteil des Seminars auf höchstens eine Stunde zu begrenzen: „Die Nachwuchsforscher sollen Zeit haben, über die Regeln der Forschungsethik zu diskutieren“, sagt sie. „So werden sie sich auch klar darüber, dass ihre Rechte durch die Regeln gestärkt werden.“
An dem zweiten, zweitägigen Unterrichtsblock sollten junge Wissenschaftler spätestens im ersten Jahr ihrer Promotion teilnehmen, Mediziner zu Beginn ihrer Doktorarbeit. Insgesamt neun Module hat Gerlinde Sponholz dafür konzipiert. Die Themen reichen von „Fehlverhalten in der Forschung“ über den richtigen „Umgang mit Daten“ bis zur „Verantwortung von Betreuer und Betreuten“. Für Mediziner stehen auch Unterrichtseinheiten über „Versuche am Menschen“ oder „Klinische Studien“ auf dem Lehrplan. Die Module können variabel eingesetzt werden.
Die verantwortlichen Seminarleiter sollten zeitweilig auch andere Hochschullehrer einbeziehen. „Etwa ein Mitglied der Ethikkommission, wenn es um Forschung am Menschen geht. Oder einen erfahrenen Wissenschaftler aus dem Fachgebiet der Teilnehmer“, sagt Sponholz. In ihren Seminaren lässt sie zum Beispiel gerne einen Professor für Chemie erklären, wie ein Laborbuch korrekt zu führen ist. Damit genug Zeit bleibt, um auf die Erfahrungen, Konflikte und Fragen der einzelnen Forscher einzugehen, sollte die Teilnehmerzahl auf 20 begrenzt werden.
„Die meisten Studierenden gehen mit der festen Absicht ins Studium, korrekt zu arbeiten“, sagt Ulrike Beisiegel. „Mithilfe unseres Curriculums wollen wir sie darin bestärken.“ Wer sich als Kursleiter für die gute wissenschaftliche Praxis engagieren will, findet die Lehrmaterialien auf der Homepage des Ombudsmans der DFG.

Der Artikel erschien im duz MAGAZIN 02/10 vom 29.01.2010


Ein Coach für alle Fälle

Ein Coach für alle Fälle

Nicht jedem Professor fallen Forschung und Lehre leicht, wenn es im Privatleben drunter und drüber geht. Abhilfe schaffen kann da ein persönliches Gespräch. Der Bedarf ist groß, wie ein Coaching-Programm der Ruhr-Universität Bochum zeigt.

von Nicole Lücke

Als Prof. Dr. Gabriele Bellenberg den Ruf an die Universität Bochum (RUB) annimmt, ist sie in einer schwierigen Situation: In ihrem neuen Beruf stürmen etliche Anforderungen auf sie ein, die sie so bisher noch nicht gekannt hat. Als Professorin der Fakultät für Philosophie, Pädagogik und Publizistik erhält sie Anfragen für Vorträge und Veranstaltungen, die sie nur schwer bewerten kann. „Außerdem war ich alleinerziehend und mein Sohn gerade mal ein Jahr alt“, erzählt Bellenberg rückblickend. Probleme, alles unter einen Hut zu bekommen, haben viele. Doch nur wenige gehen sie aktiv an – und suchen sich Hilfe. Bellenberg ging diesen Weg. Sie nahm an dem Coaching-Programm teil, das ihre Universität für Professoren anbietet. Tatsächlich fiel es ihr schon nach wenigen Sitzungen deutlich leichter, Prioritäten zu setzen. Gemeinsam mit ihrem Coach stellte Bellenberg Kriterien auf, nach denen sie Anfragen für Vorträge beurteilt. „Das hat mir unheimlich dabei geholfen, Beruf und Privatleben miteinander zu vereinbaren.“Seit 2005 können Professoren an der RUB kostenlos einen Coach in Anspruch nehmen, wenn sie Hilfe für ihre Arbeit brauchen. Dabei geht es nicht darum, fachliche oder didaktische Fragen zu klären. „Eine typische Situation für ein Coaching ist, wenn jemand knifflige Führungsaufgaben zu lösen hat oder mit seinem Zeitmanagement nicht klarkommt“, sagt Dr. Christina Reinhardt, die in der Stabsstelle „Interne Fortbildung und Beratung“ des RUB-Rektorats für das nach der griechischen Göttin der Weisheit Metis benannte Coaching-Programm zuständig ist. Jeder gecoachte Professor schlage insgesamt mit einer Summe zwischen 1 500 und 2 000 Euro zu Buche. Eine lohnenswerte Investition, denn: „Wir können es uns als Institution einfach nicht leisten, dass ein Professor so lange probiert, bis er seine Rolle gefunden hat.“
Ursprünglich war das Programm vor allem für Berufseinsteiger gedacht. Offensichtlich ist aber auch der Beratungsbedarf erfahrener Lehrkräfte groß. Die Universität musste deshalb die Teilnehmerzahl beschränken: Im ersten Jahr nahmen 30 Personen am Coaching-Programm teil. Seitdem werden zehn pro Jahr gefördert.
Wie ein Coaching genau funktioniert, erklärt Max Dorando von der Firma Contur A aus Köln. Er arbeitet als externer Berater für die Universität Bochum: „Zunächst nehme ich eine Situationsanalyse vor“, sagt Dorando. „Dafür gibt es eine klassische Frage: Wenn das Coaching beendet ist, was müsste dann passiert sein?“ So findet er schnell heraus, wo die Probleme des Hochschullehrers liegen. Für die kann er dann konkrete Tipps geben und in der folgenden Sitzung mit dem Professor besprechen, welche Ratschläge dieser im Alltag umsetzen konnte. Dorando glaubt, die Gespräche seien einer der Hauptgründe für den Erfolg des Coachings: „Wo im Leben gibt es jemanden, der sich anderthalb Stunden mit Ihnen beschäftigt, Ihnen zuhört und nachfragt, ausschließlich aus dem Interesse heraus, Ihnen weiterzuhelfen?“ Im Durchschnitt bräuchten die Professoren drei bis fünf Sitzungen, bis sie das Gefühl hätten, die Schwierigkeiten nun alleine in den Griff zu bekommen.
So war es auch bei Gabriele Bellenberg. „Die Effekte des Coachings haben bis heute angehalten“, sagt sie. „Bekomme ich zum Beispiel eine Anfrage für einen Vortrag, gehe ich meinen Kriterienkatalog durch, den ich im Coaching erarbeitet habe: Wie wichtig ist der Termin für meine Karriere? Werde ich dafür bezahlt? Wieviel Zeit nimmt er in Anspruch? Danach kann ich entscheiden, ob der Vortrag es wert wäre, dafür weniger Zeit mit meiner Familie zu verbringen.“ Die Erziehungswissenschaftlerin glaubt, es wäre effizient, regelmäßig ein Coaching zu machen – und zwar immer dann, wenn eine neue Aufgabe ansteht.

Der gute Rat

* Ein Coaching besteht aus drei Phasen: Einstieg, Arbeitsphase und Auswertung.
* Beim ersten Termin werden neben dem konkreten Ziel generelle Regeln festgelegt, wie zum Beispiel die Vereinbarung von Terminen, Diskretion und Berichtswesen. Zudem sollte man darauf achten, dass die Chemie zwischen Coach und Professor stimmt.
* Die Themenhoheit für die Sitzungen liegt beim Professor. Er allein entscheidet, worüber gesprochen wird.
* Der Coach muss unter anderem wissen, wie Organisationen funktionieren und was es bedeutet, in der Universität zu agieren.
* Der Coach soll konkrete Tipps für das Verhalten im Alltag geben, besonders in Führungspositionen. In den Folgesitzungen kann der Professor über die Umsetzung der Tipps sprechen.
* Die normale Anzahl an Sitzungen liegt bei maximal fünf, wobei der Zeitabstand mit dem Bedarf und dem akuten Problem variiert. Das Coaching kann sich auch über ein halbes Jahr hinziehen.

 

Der Artikel erschien im duz MAGAZIN 08/08 vom 22.08.2008


Der Weg aus der Stressfalle

Der Weg aus der Stressfalle

Termindruck und kreative Hänger kennt jeder Doktorand. Auch die Psychologin Michaela Schmidt, die ihre eigene Doktorarbeit über genau dieses Thema schreibt. Ihre Studie soll anderen Promovenden helfen, den richtigen Hebel bei Motivation, Zeitmanagement und Stressvermeidung anzusetzen.

von Nicole Lücke

Wenn die Psychologin Michaela Schmidt zu Mittag isst, lässt sie sich bewusst Zeit. Später macht sie sich nach einer erledigten Aufgabe einen Tee. Ihr hohes Arbeitspensum als Doktorandin an der Technischen Universität Darmstadt schafft sie trotzdem – alles eine Frage des Selbstmanagements, sagt sie. Und genau diese Fähigkeit möchte sie anderen Promovenden vermitteln. „Denn viele fühlen sich gestresst und überfordert“, wie Schmidt in Studien herausgefunden hat. Die Ergebnisse trägt sie für ihre Doktorarbeit zusammen: „How to manage your PhD thesis? Development of a process model of self¬regulation to foster postgraduate students“.
In ihren Trainingsprogrammen zeigt sie, dass sich der Arbeitsalltag eines Doktoranden mit einigen Tricks deutlich effizienter und entspannter gestalten lässt. Wenn Doktoranden tatsächlich nur ihre Doktorarbeit zu schreiben hätten, wäre ihr Leben leichter, aber die meisten sind parallel in der Lehre eingespannt oder arbeiten in weiteren Projekten mit. Genau darin liegt das Problem: „Häufig kommt bei all den Aufgaben die Dissertation zu kurz“, weiß Schmidt. Schon für das große Projekt Doktorarbeit brauche man ja einen vernünftigen Zeitplan. „Ich muss mir überlegen, bis wann zum Beispiel eine Studie oder die Literaturrecherche abgeschlossen sein muss.“ Und damit ist sie auch schon mittendrin im wichtigsten Thema der Selbstregulation: Zeitmanagement.

Vermeiden Sie lange Ablenkungen
„Als Erstes muss ich mir einen Überblick über alle anstehenden Aufgaben verschaffen“, erklärt Schmidt. Für große Projekte wie die Dissertation müsse es einen groben Gesamtplan geben, aufgeteilt in Monate. Der erste Abschnitt wird wiederum in Wochen aufgespaltet, und für die erste Woche sollte der Doktorand notieren, was er an den einzelnen Tagen zu tun hat. Das klingt logisch, funktioniert aber in der Praxis selten, „weil die meisten keinen Puffer einberechnen“, sagt Schmidt. „Manche Aufgaben dauern eben länger als veranschlagt, und zwischendurch klingelt das Telefon. Schon haut das Timing nicht mehr hin.“ Ihre Lösung lautet: nur 60 bis 80 Prozent der Arbeitszeit verplanen, der Rest ist Puffer.
Der beste Plan nutzt nichts, wenn man permanent abgelenkt wird. Hilfreich sei es daher, den Anrufbeantworter einzuschalten, ein „Bitte nicht stören“-Schild an die Tür zu hängen und für inhaltlich sehr anspruchsvolle Aufgaben Tage auszuwählen, die grundsätzlich ruhiger sind. Große Störfaktoren sind allerdings E-Mails. „Ich empfehle den Doktoranden, dass sie sich morgens für eine halbe Stunde einen Überblick verschaffen und den Rest in einem Block abarbeiten, zum Beispiel nach dem Mittagessen“, sagt Michaela Schmidt.
Und wenn zwischendurch die Motivation in den Keller geht? „Durchhänger sind normal.“ Es helfe aber schon, wenn man sich größere Aufgaben in kleine Abschnitte unterteile und sich nach jedem abgeschlossenen Abschnitt mit einer Pause belohne. Das alles klingt hilfreich, aber auch sehr durchorganisiert. Ist das wirklich nötig? „Einen Zeitplan braucht jeder“, sagt Schmidt. „Alle anderen Methoden würde ich erst in Erwägung ziehen, wenn Schwierigkeiten auftreten. Denn wir wenden viele dieser Strategien bereits automatisch an.“ Deswegen müsse auch jeder für sich herausfinden, welches Schema am besten zu ihm passt.
Stellt sich nur noch die Frage, ob die Teilnehmer es auch schaffen, ihr Verhalten langfristig zu ändern. „Ich habe Trainings angeboten und zehn Monate später Befragungen dazu durchgeführt“, erzählt Schmidt. „Und die Doktoranden haben den Eindruck, dass ihnen der Arbeitsalltag immer noch leichter fällt.“ Dabei handle es sich zwar um eine Selbsteinschätzung, gibt sie zu. „Aber genau darum geht es doch – das Gefühl, die Aufgaben in den Griff zu kriegen.“ Sie selbst ist übrigens gut in der Zeit mit ihrer Doktorarbeit.

So entspannen Sie sich
Kluges Selbstmanagement hilft, die Stressklippen zu umschiffen.

Motivationsmanagement

* Unterteilen Sie Aufgaben in kleine Abschnitte. Belohnen Sie sich nach jeder erledigten Aufgabe selbst, zum Beispiel mit einer Tasse Kaffee.
* Bauen Sie Druck von außen auf, etwa durch festgelegte Zeiten für Erfahrungsaustausch mit Kollegen.
* Produktivität hat viele Spielarten: Werten Sie das intensive Nachdenken über Ihr Projekt als Arbeitsleistung!

 

Zeitmanagement

* Stellen Sie einen Zeitplan auf, den Sie bis auf Wochen und Tage herunterbrechen.
* Notieren Sie anfangs, wie viel Zeit Sie für die Aufgaben benötigen.
* Rechnen Sie einen Zeitpuffer von bis zu 40 Prozent ein.
* Vermeiden Sie lange Ablenkungen durch Telefon und E-Mail-Verkehr.

 

Stressmanagement

* Üben Sie das Nein-Sagen und nehmen Sie Aufgaben, für die keine Zeit ist, nicht an.
* Bewegung tut gut: Stehen Sie ab und zu auf und gehen Sie über den Gang.
* Zum Abschalten gehört ein Feierabendritual, etwa sich zu Hause umziehen oder einen Tee trinken.

 

Der Artikel erschien im duz MAGAZIN 1-2/09 vom 30.01.2008


Durchblick mit der Patentlandkarte

Durchblick mit der Patentlandkarte

Patente entscheiden über den ökonomischen Erfolg einer Erfindung. Aber bevor in eine Innovation investiert wird, sollte klar sein: Lohnt sich ein Patentantrag oder war die Konkurrenz schon schneller? Bremer Forscher bieten eine neue Orientierungshilfe.

von Markus Zens

Wer an eine Landkarte denkt, hat meist das Bild eines Plans mit Städten, Flüssen und Gebirgen vor Augen. Mit Karten lassen sich aber nicht nur geografische Inhalte abbilden, sondern jegliche Arten von Information. Wirtschaftswissenschaftler der Universität Bremen etwa benutzen die Kartografie, um das Umfeld eines Patentes grafisch darzustellen.
„Im Prinzip arbeiten wir wie Geografen, weil wir ähnliche Begriffe kartieren und nebeneinander anordnen“, erklärt Prof. Dr. Martin Möhrle, an dessen Lehrstuhl die sogenannten Patentlandkarten entwickelt werden. Auf einer derartigen Landkarte findet sich aber kein Bezug zu tatsächlichen Orten. Stattdessen dient die Ähnlichkeit von Patenten als Maßstab. Je näher zwei Patente auf der Karte beieinander liegen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie ähnliche Inhalte besitzen. Die Patentlandkarten sind damit ein wertvolles Hilfsmittel für Forscher, die sich einen Überblick über die grundsätzliche Patentsituation in einem Technologiefeld machen möchten. Wissenschaftler können so mit einem Blick erkennen, ob es möglicherweise schon konkurrierende Patente gibt.
Der große Vorteil gegenüber herkömmlichen Analysen liegt dabei in der Herangehensweise der Bremer Wissenschaftler: Statt stumpf Schlagworte miteinander zu vergleichen, setzen sie für ihre Auswertung hoch entwickelte Computerprogramme ein, die in der Lage sind, Grundstrukturen geschriebener Sätze zu verstehen. Diese sogenannte semantische Auswertung ermöglicht es den Wissenschaftlern, auch Patente aus ganz unterschiedlichen Forschungsfeldern miteinander in Beziehung zu setzen, ohne die Patentschriften selber lesen zu müssen.
Der Haken: Momentan ist diese Recherche auf englischsprachige Patente beschränkt. „Das liegt daran, dass viele der Computerprogramme auf Englisch entwickelt wurden“, erklärt Dr. Lothar Walter, der ebenfalls am Lehrstuhl für Innovation und Kompetenztransfer an der Universität Bremen beschäftigt ist. Zusammen mit Kollegen arbeitet er daran, auch deutschsprachige Patentdatenbanken in die Suche zu integrieren.
Die Eigenheiten der deutschen Sprache stellen die Wissenschaftler dabei allerdings immer wieder vor Schwierigkeiten, berichtet Walter. Er erläutert die Probleme an einem Beispiel: „Nehmen sie den Satz ‚Die Frau, die das Mädchen sah, war blond‘ – hier ist nicht klar, wer wen gesehen hat, das Mädchen die Frau oder umgekehrt.“
Um diese Schwierigkeiten zu meistern, arbeiten Wissenschaftler weltweit an der Verfeinerung des sogenannten „natural language processing“, was auf Deutsch meist als „Computerlinguistik“ übersetzt wird. In den vergangenen Jahren sind auf diesem Feld große Fortschritte gemacht worden. „Das Wichtigste ist aber nach wie vor, dass die Fragestellung, mit der wir den Computer füttern, so eindeutig wie möglich formuliert ist“, erklärt Walter. Ein großer Teil der Arbeit bestehe deshalb darin, zusammen mit den Auftraggebern die Suchkriterien für die Patentlandkarte zu verfeinern. „Anwender haben nichts davon, wenn sie sich einfach das Programm auf den eigenen Computer spielen“, sagt Walter. Stattdessen seien für die Erstellung einer Patentlandkarte teilweise aufwendige Workshops notwendig, in denen die Rechercheziele immer wieder überprüft werden. Dementsprechend sind Patentlandkarten nicht billig, vor allem wenn umfangreiche Untersuchungen notwendig sind. Auf allgemeingültige Kostenbeträge will sich Walter nicht festlegen. Dennoch ist er überzeugt, dass Forscher mit Patenlandkarten viel Geld sparen können: „Verglichen mit einem möglichen Prozess wegen Patentrechtsverletzung ist das die deutlich billigere Variante.“

Wo es Hilfe gibt:

* Weltweit wandern über eine Million Patentdokumente pro Jahr in die Datenbanken der Patentämter. Um dabei einen Überblick zu erhalten, gibt es für Wissenschaftler verschiedene Möglichkeiten. So sind Patentanalysen sowohl grafisch aufbereitet möglich, wie bei der Patentlandkarte, als auch in nüchternen Zahlen und Diagrammen.
* In einem ersten Schritt sollten sich Interessierte aber an die Technologie-Transfer-Beauftragten der Universitäten, an Patentverwertungsagenturen oder Patentanwälte wenden.
* Haben Forscher bereits konkrete Vorstellungen oder sogar eine fertige Patentschrift, können sie sich für eine Patentanalyse an entsprechende Institute wenden. Neben Bremen gibt es solche Experten auch an der Uni Stuttgart, an der Fraunhofer-Patentstelle für die Deutsche Forschung oder bei Privatanbietern wie der Bayer AG oder Thomson Reuters.
* Einen tieferen Einblick in den Einsatz von Patentlandkarten gibt auch das Buch „Patentierung von Geschäftsprozessen“, herausgegeben von Prof. Dr. Martin Möhrle und Dr. Lothar Walter, das am 12. Juli erscheint. ISBN: 978-3-642-01126-9

 

Der Artikel erschien im duz MAGAZIN 06/09 vom 22.05.2009


Forschungsgeld im Gepäck

Forschungsgeld im Gepäck

Deutsche Wissenschaftler, die zum Forschen ins Ausland gehen, müssen begonnene Projekte nicht mehr unbedingt abbrechen oder abgeben. Sie können das Geld dafür mitnehmen. Doch das sind erst Anfänge. Ziel ist, dass Forscher künftig Geld in jedes andere EU-Land mitnehmen können. Ein Traum von Mobilität.

Britta Mersch

Zehn Jahre lang forschte Dr. Karsten Kalbitz am Department für Bodenökologie an der Universität Bayreuth über die Dynamik organischer Verbindungen in Böden. Erst als wissenschaftlicher Mitarbeiter, dann als Assistent und nach seiner Habilitation schließlich als Privatdozent.

Was passiert mit dem Projekt?
Als ihn der Ruf der Universität Amsterdam erreichte, den Lehrstuhl „Earth Surface Science“ am Institut für Biodiversität und Ökosystemdynamik zu übernehmen, war das für Kalbitz eine tolle Chance. „Ich hatte damals einen zeitlich befristeten Vertrag und außerdem Verantwortung für eine Familie. Das Angebot konnte ich nicht ausschlagen“, sagt der heute 44-Jährige. Doch was tun mit den laufenden Forschungsprojekten? Der Bodenkundler hatte in Bayreuth zwei Projekte der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) an Land gezogen. Die Fördersumme betrug rund 300.000 Euro. Die Lösung war einfacher, als Kalbitz erwartet hatte. Er schrieb einen Antrag für das DFG-Programm „Money follows Researcher“. Schnell und unbürokratisch habe er die Bewilligung erhalten, sagt er. So konnte er die noch nicht verbrauchten Fördermittel für die beiden Projekte von Bayreuth nach Amsterdam mitnehmen – und dort daran weiterforschen.
2003 hat die DFG das Programm ins Leben gerufen, um Wissenschaftler wie Kalbitz zu ermutigen, im Ausland zu forschen. Inzwischen steht es Pate für eine weitere Initiative: Die „European Heads of Research Councils“ (Eurohorcs) hat das Programm übernommen. 22 Organisationen in 16 Ländern beteiligen sich daran. „Dieses Instrument sorgt für mehr Mobilität“, sagt Dr. Achim Haag, Direktor bei der DFG für Internationale Zusammenarbeit. „Es soll ermöglichen, dass die laufenden Forschungsprojekte auch dann zu Ende gebracht werden, wenn ein Forscher das Land verlässt.“

Fördergelder mitnehmen
Mobilität ist für die DFG das Schlüsselwort. Sie setzt auf weitere Programme, die Forschungsverbünde über Ländergrenzen hinweg aufbauen. Neben der „Geld folgt Forscher“-Förderung können sich deutsche Wissenschaftler um das Programm „Money follows cooperation line“ bewerben oder an der Lead-Agency-Initiative teilnehmen. Noch gelten die Verfahren nur für die Kooperation von deutschen, österreichischen und schweizerischen Forschern. Die DFG hat ein entsprechendes Abkommen mit dem österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) und dem Schweizerischen Nationalfonds (SNF) geschlossen. Luxemburg würde auch gern mitmachen. „Wir sind bemüht, die Reichweite auszudehnen“, sagt Haag. Vor allem müsse sichergestellt werden, dass neue Partner die gleichen Standards zur Qualitätssicherung zugrunde legen. „Das ist im sich zunehmend entwickelnden Europäischen Forschungsraum noch nicht immer der Fall“, sagt Haag. Nicht immer lassen sich grenzüberschreitende Kooperationen für Wissenschaftler so relativ unkompliziert einfädeln wie bei Forschungsprojekten, die über die DFG oder auch Stiftungen wie die VolkswagenStiftung gefördert werden.
So stehen Forscher, deren Projekte über staatliche Förderprogramme des Bundesforschungsministeriums (BMBF) finanziert werden, vor einer unüberwindbaren Hürde. Denn generell gilt laut den BMBF-Richtlinien zur Projektförderung, dass der Zuwendungsempfänger von Forschungsprojekten aus den Bundesprogrammen immer die Einrichtung ist. Das Geld wird also stets der Hochschule und nicht der jeweiligen Person zugewiesen. Rechenschaftspflichtig gegenüber den Zuwendungsgebern wie zum Beispiel dem BMBF ist demnach als Vertragspartner dann immer die Universität. Für den Wissenschaftler, der einen Ruf aus dem Ausland annehmen will, heißt das, dass er sein laufendes Forschungsprojekt an einen Kollegen abgeben muss.

Die fünfte Freiheit im Blick
Auch die EU hat inzwischen Programme aufgelegt, um die Mobilität und die grenzüberschreitende Forschung zu fördern und bessere Arbeitsbedingungen für Forscher zu schaffen. Die Maßnahmen sollen dazu beitragen, die EU zum wissensgestützten Wirtschaftsraum zu entwickeln. So sieht es das im Jahr 2000 verabschiedete Lissabon-Papier vor.
Um Mobilitätsbremsen wie das Problem der fehlenden Anerkennung der Sozial- und Rentenversicherungsleistungen zu beheben, arbeitet Brüssel gerade an einer Machbarkeitsstudie für einen europäischen Pensionsfonds für Wissenschaftler. „Fifth Freedom“ heißt das Schlagwort, das der Noch-EU-Forschungskommissar Dr. Janez Potocnik dafür in die Welt brachte. Neben Menschen, Kapital, Waren und Dienstleistungen soll auch das Wissen Grenzen überschreiten. Allerdings taugen nicht alle Förderinstrumente, die im aktuellen 7. EU-Forschungsrahmenprogramm aufgelegt wurden, um den Europäischen Forschungsraum tatsächlich mit Leben zu füllen, meint der ehemalige DFG-Präsident Prof. Dr. Ernst-Ludwig Winnacker, der bis Mitte 2009 Generalsekretär des European Research Council (ERC) war. So hält Winnacker die Marie-Curie-Maßnahme aus dem EU-Programm „Menschen“, mit der Wissensaustausch und Mobilität gefördert werden sollen, für „bürokratisch und schwerfällig“ – und deshalb nicht für alle Forscher geeignet. Es sei ungünstig, dass bei EU-Förderprogrammen wie „Kooperation“ oder „Kapazitäten“ die von den Forschern eingeworbenen Mittel an das Institut gebunden seien.
„Eine Revolution“ ist für Winnacker dagegen der Ansatz des ERC, Wissenschaftler im Laufe ihrer Karriere mit Geldern von bis zu 2,5 Millionen Euro für fünf Jahre auszustatten. Über 1 200 Forscher profitieren bereits davon. „Die Kriterien liegen allein bei der wissenschaftlichen Qualität“, erklärt er. „Die Forscher können sich also in einem fairen und transparenten Wettbewerb um das Geld bewerben.“ Zudem werde damit auch die Mobilität gefördert, denn das Geld wird den Wissenschaftlern zur Verfügung gestellt, egal in welchem Land sie forschen. Sie können die Gelder auch mitnehmen, wenn sie innerhalb der EU an eine andere Hochschule oder ein Forschungsinstitut wechseln.

Grenzenlos kooperieren
Die im Sinne der grenzenlosen Kooperation auf den Weg gebrachte Europäische Forschungsförderunion, die auf Initiative der nationalen Förderorganisationen entstanden ist, soll ein Höchstmaß an Mobilität sichern. „Am Ende steht die Vision, dass Zusagen aller beteiligten Förderorganisationen wechselseitig anerkannt werden und in dem Land eingelöst werden, in dem die Forschung durchgeführt wird“, sagt DFG-Präsident Professor Dr. Matthias Kleiner.
Für den Bodenkundler Kalbitz jedenfalls waren die Bewerbungs- und Verhandlungsgespräche in den Niederlanden durch die Förderung der DFG erheblich leichter. „Ich hatte immer einen Trumpf im Ärmel, weil ich die Drittmittel und zwei Doktoranden mitbringen konnte“, sagt er.

Der Artikel erschien im duz MAGAZIN 01/10 vom 18.12.2009






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